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Finanzen

„Rupie, Öl, 7,8 Prozent Wachstum: Indien steht vor der ersten Zinserhöhung seit fast vier Jahren“

Am Mittwoch entscheidet die indische Notenbank – fast 60 Prozent der von Reuters befragten Ökonomen erwarten plus 25 Basispunkte auf 5,50 Prozent, die erste Erhöhung seit fast vier Jahren. Die Inflation frisst sich durch den Warenkorb, das Wachstum gibt Rückendeckung, und die Märkte haben den Schritt längst eingepreist.

<p>Es ist die Zinswette der Woche – und sie läuft nicht in Frankfurt oder Washington, sondern in Mumbai. Am Mittwoch verkündet die Reserve Bank of India (RBI) ihre Zinsentscheidung, und die Märkte haben sich längst festgelegt: Fast 60 Prozent der von Reuters befragten Ökonomen – 35 von 61 – erwarten eine Erhöhung um 25 Basispunkte auf 5,50 Prozent. Es wäre die erste Zinserhöhung seit Februar 2023, also seit fast vier Jahren.</p> <p>Der geldpolitische Ausschuss tagt vom 5. bis 7. Oktober, die Entscheidung verkündet Gouverneur Sanjay Malhotra am Mittwoch. Die Ausgangslage ist ungewöhnlich klar: Die Inflation ist zu hoch, das Wachstum zu stark, und die Zinsen steigen ringsum auf der Welt. Selten hatte eine Notenbank so wenig Ausreden, nichts zu tun.</p> <h3>Die Inflation frisst sich durch den Warenkorb</h3> <p>Die Verbraucherpreise stiegen im August um 4,82 Prozent – der dritte Monat in Folge über dem mittelfristigen Ziel von 4 Prozent. Doch die Zahl allein erzählt nur die halbe Geschichte. Inzwischen steigen die Preise für fast die Hälfte des indischen Warenkorbs um 4 Prozent oder mehr; im März war es erst ein Drittel. Die Teuerung sickert aus Energie und Lebensmitteln in die Breite der Wirtschaft – genau das Szenario, vor dem Notenbanker am meisten Angst haben, weil es sich in Erwartungen festsetzt.</p> <p>Treibstoff kommt von außen: Der Ölpreis notiert über 100 Dollar je Barrel, angeheizt vom Krieg im Nahen Osten, und die Rupie hat 2026 rund 6 Prozent gegen den Dollar verloren. Beides verteuert Importe – und macht aus einer hausgemachten eine importierte Inflation. Die Protokolle der August-Sitzung zeigen: Mehrere Währungshüter, Malhotra eingeschlossen, hatten eine Erhöhung bereits in Aussicht gestellt, falls sich der Preisdruck verallgemeinert. Er hat sich verallgemeinert.</p> <h3>Das Wachstum gibt Rückendeckung</h3> <p>Was die Entscheidung leicht macht: Die Konjunktur brummt. Im zweiten Quartal – April bis Juni – wuchs die indische Wirtschaft um 7,8 Prozent, das Kreditwachstum kletterte im Juli auf über 19 Prozent, fast doppelt so hoch wie vor einem Jahr. Die RBI muss also nicht fürchten, mit einer Zinserhöhung eine fragile Erholung abzuwürgen. Sie kann sich ganz auf ihr Inflationsmandat konzentrieren – ein Luxus, den sich derzeit wenige Notenbanken leisten können.</p> <p>Rahul Bajoria, Indien-Ökonom bei BofA Global Research, bringt es auf den Punkt: Die Notenbank habe „kaum Grund zu warten“, die Wachstumsaussichten seien hoch, die Inflation verbreitere sich. Er erwartet, dass die RBI im Oktober einen Straffungszyklus von insgesamt 100 Basispunkten einläutet. Das wäre mehr als eine Korrektur – es wäre das Ende der lockeren Geldpolitik, mit der die RBI 2025 die Zinsen um kumuliert 125 Basispunkte von 6,5 auf 5,25 Prozent gesenkt hatte.</p> <h3>Der globale Rückenwind dreht</h3> <p>Indien entscheidet nicht im luftleeren Raum. Die US-Notenbank hat im September die Zinsen auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, Japan, Europa und mehrere asiatische Länder ziehen nach oder denken darüber nach. Die Zinsdifferenz zu den Industrieländern schrumpft – und damit der Anreiz für ausländisches Kapital, in indische Anleihen zu fließen. Ausländische Investoren haben 2026 bereits fast 26 Milliarden Dollar aus indischen Aktien abgezogen; die Börse in Mumbai hinkt den Schwellenländer-Kollegen hinterher.</p> <p>Die Märkte haben den Schritt längst vorweggenommen: Die Swap-Märkte preisen eine Erhöhung vollständig ein, der einjährige Overnight-Index-Swap rechnet mit 90 Basispunkten an Erhöhungen über die kommenden zwölf Monate. Für die RBI wird es damit auch zur Glaubwürdigkeitsfrage: Wer jetzt nicht liefert, was die Märkte erwarten, riskiert einen Vertrauensverlust – und weiteren Druck auf die Rupie. Hinter der Kurve zu bleiben, ist für eine Notenbank das Teuerste überhaupt. Die RBI weiß das – und wird es sich zweimal überlegen, die Märkte zu enttäuschen.</p> <h3>Was das für deutsche Anleger bedeutet</h3> <p>Für hiesige Anleger ist Indien vor allem über zwei Kanäle relevant. Erstens direkt: Indien-ETFs und Schwellenländer-Anleihen reagieren empfindlich auf den Zinspfad – eine glaubwürdige Straffung stützt tendenziell die Rupie und damit die Renditen in Euro gerechnet. Zweitens indirekt über die Realwirtschaft: Steigende indische Zinsen dämpfen die Binnennachfrage der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt – spürbar etwa für deutsche Maschinenbauer und Autozulieferer, die in Indien stark engagiert sind.</p> <p>Und drittens, über den Ölpreis: Jede Eskalation im Nahen Osten trifft Indien als großen Importeur besonders hart – und über die Tankstelle am Ende auch deutsche Verbraucher. Besonders zinssensitiv sind indische Bankaktien und der Immobiliensektor, die von der jahrelangen Lockerung profitiert hatten und nun Gegenwind spüren dürften. Die indische Zinsentscheidung ist damit auch ein Seismograf für den globalen Inflationsdruck, den die EZB so aufmerksam beobachtet wie die Fed.</p> <h3>Fazit: Die Frage ist nicht ob, sondern wie weit</h3> <p>Alles deutet darauf hin, dass die RBI am Mittwoch den Schalter umlegt. Die eigentliche Spannung liegt woanders: Folgt im Dezember gleich der nächste Schritt, wie die Reuters-Umfrage nahelegt? Und wie weit trägt der Zyklus – 50, 75 oder die 100 Basispunkte, die die BofA erwartet?</p> <p>Für Anleger heißt das: Indien bleibt ein Wachstumsmarkt, aber die Geldpolitik wird zum Gegenwind. Wer auf indische Aktien oder Anleihen setzt, sollte das Zinsszenario aktiv einpreisen – und nicht darauf wetten, dass die Notenbank am Ende doch kneift. Die Zeiten, in denen Mumbai die Zinsen senkte, sind vorbei. Jetzt wird der Punchbowl weggenommen.</p>

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